
Zunächst ein etwas längerer Blick in die Vergangenheit, da mittlerweile lange her und urheberrechtlich »gemeinfrei« via Lexikon, Stichwort: »Frankfurter Attentat« aus Meyers Konversations-Lexikon, ein Wörterbuch des allgemeinen Wissens. 2. Auflage. Sechster Band. Hildburghausen: 1863.
»Die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni und 5. Juli 1832, welche der Presse neue Beschränkungen auflegten, und denen einige Exaltierte dieselbe Bedeutung für Deutschland vindizierten, welche die Juliordonnanzen für Frankreich hatten, ließen in den jüngeren Männern der gebildeten Klassen, sowie unter den jüngeren Handwerkern, die mit der Entwicklung des öffentlichen Lebens seit 1815 überhaupt unzufrieden waren, den Gedanken reifen, Frankfurt am Main an die Spitze einer revolutionären Bewegung zu stellen und dieselbe sodann mit Hülfe benachbarter Staaten und Städte weiter zu leiten. (…) Der Plan der Verschworenen war, sich zunächst in den Besitz der Konstablerwache und der Hauptwache zu setzten, die politischen Gefangenen zu befreien, sich gleichzeitig der Kanonen zu bemächtigen und Sturm zu läuten und, wenn sich wenigstens ein Teil der Bevölkerung beteiligte, sich sodann der Bundesgesandten zu versichern und eine provisorische Regierung zu errichten. In einer am 2. April 1833 in dem kurhessischen Orte Bockenheim (…) gehaltenen Versammlung wurde der Abend des 3. Aprils als der Termin bestimmt, an welchem der Aufstand ausbrechen sollte. Inzwischen hatte die Behörde Kunde von dem Vorhaben erhalten und ließ die Hauptwache (41 Mann) um 10 Mann verstärken, das Linienmilitär in die Kaserne konfigurieren und an der Domkirche zwei Polizeidiener aufstellen. In ihrer gewöhnlichen Kleidung, aber mit schwarz-rot-goldenen Schärpen umgürtet, mit Bajonettgewehren, Pistolen, scharfen Patronen, Dolchen und Säbeln bewaffnet, setzten sich die Verschworenen ½10 Uhr in zwei gleich starken Haufen von verschiedenen Punkten aus gleichzeitig in Bewegung, der eine, 30 Mann stark, aus Studenten bestehend, vom Münzhofe aus, der andere, aus politischen Flüchtlingen bestehend, vom Gasthaus hinter der Rose aus unter dem Kommando eines polnischen Obersten. Ersterer zog gegen die Hauptwache, erstürmte dieselbe, nahm die Wachmannschaft gefangen und setzte die im oberen Stockwerk, teils wegen Pressvergehen, teils wegen Tumults verhafteten Gefangenen in Freiheit. Die Aufforderungen zur Teilnahme machten jedoch keinen Eindruck, weder auf die Menge, noch auf das Militär. Inzwischen hatte der andere Haufen die Konstablerwache erstürmt und die wegen politischen Vergehen Gefangenen befreit. Aber auch hier blieben die Aufforderungen, für die deutsche Freiheit zu kämpfen, erfolglos. Die angebotenen Waffen wurden unter Entschuldigungen zurückgewiesen, oder doch sogleich wieder zur Seite gestellt. Während dieser Vorgänge waren 12-16 Mann nach dem Dom geilt, hatten die Polizeidiener gepackt, die Turmtür eingeschlagen und ließen nun die Sturmglocke ertönen. Mittlerweile war das ganze Bataillon des Frankfurter Linienmilitärs mit scharf geladenen Gewehren gegen die Hauptwache angerückt. Die wenigen hier zurückgebliebenen Studenten zogen sich nach der Konstablerwache zurück; nur einer, der sich verspätet hatte, wurde nach verzweifelter Gegenwehr verwundet ergriffen. Erst bei der Konstablerwache ward das Linienmilitär mit einem förmlichen Pelotonfeuer empfangen. Nachdem auf beiden Seiten mehrere getötet und verwundet waren, zogen sich die Aufrührer, der Übermacht weichend, in die benachbarten Straßen zurück, wo sie unangefochten auseinander gingen. Um 11 Uhr war Frankfurt wieder in Ruhe. Gleichzeitig mit diesen Vorfällen in der Stadt griff ein Haufen von 60-80 bewaffneten Landleuten aus dem nahen Orte Bonames und einigen benachbarten kurhessichen und nassauischen Dorfschaften die kurhessische Zollstäte des zwischen Bonames und Frankfurt gelegenen Ortes Preungesheim an, vernichtete die Zollpapiere, zog sich aber in der Nähe des Friedberger Tores, sei es auf erhaltene Nachricht aus der Stadt, sei es, weil man die Torwachen verstärkt fand, nach Bonames zurück. Die Zahl sämtlicher bei diesem Unternehmen Beteiligter mag sich auf 150-170 belaufen haben. Erwiesen ist, dass 9 Personen getötet und 24 schwer verwundet wurden. (…) Schon die erste Kunde des Ereignisses wies auf einige Verzweigungen, zumal auf mehreren Universitäten, hin, weshalb nicht bloß in Frankfurt und Darmstadt, sondern auch in Jena, Würzburg, Erlangen, München, Heidelberg, Tübingen und Gießen Vernehmungen und Verhaftungen stattfanden. (…) Die Mehrzahl der Angeschuldigten waren unerfahrene Jünglinge. Zwei derselben entkamen aus dem Gefängnis, 14 aber wurden durch das Strafurteil erster Instanz vom 20. Oktober 1836 zu lebenslänglichen Gefängnis verurteilt. Aber noch vor der Fällung der Entscheidung letzter Instanz wussten abermals 7 der Verurteilten zu entkommen; die übrigen 7 wurden nach Mainz abgeführt und erhielten im Herbst 1838 die Auswanderung nach Amerika gestattet.«
Auch wenn der gemeinsame Nenner wohl eher in der Forderung nach demokratischen Rechten und Pressefreiheit liegt und aktuell auch niemand in Frankfurt mit »schwarz-rot-goldenen Schärpen« demonstriert oder gar irgendwelche nationalen Erweckungsgedanken hegt, weckten die Bilder und Berichte von gestern doch gewisse Erinnerungen an obigen Artikel. Diese Erinnerung mag sich zunächst auf eine gewisse lokale Parallelität stützen, Hauptwache, Konstablerwache und der Ort bzw. mittlerweile Stadtteil Bockenheim (Uni-Campus) sind aktuell auch Stichwörter in den Medien und Zielpunkte der Demonstranten. Ebenso interessant ist der Unwille der ansässigen Bevölkerung sich dem Protest anzuschließen, bzw. die mediale Konstruktion dieses Unwillens mittels Berichte über Ladenbesitzer die drei Tage ihr Geschäft schließen müssen und Anwohner die sich belästigt fühlen, in Formen des beispielhaft-anekdotischen Argumentierens. Generell berichten die (Fernseh-) Medien in altgewohnter Manier mehr phänomenologisch, denn inhaltlisch erklärend, von Ansätzen bei Phoenix mal abgesehen. Der Grund des Protestes verschwindet jedoch vielmals hinter den Berichten über die Auswirkungen auf den gewöhnlichen städtischen Tagesablauf. An dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, dass es möglich ist die Innenstadt für Radrennen, Kulturveranstaltungen, Sportübertragungen und dergleichen mehr zu sperren, aber Demonstranten diese Möglichkeit nur beschränkt eingeräumt wird. In diesem Sinne ist es schlicht und ergreifend ein Interessenskonflikt, auf der einen Seite eine direkt politische Ausdrucksform, auf der anderen Seite die Interessen der Unterhaltung und des Konsums.
Im Unterschied zu 1833 verläuft die Auseinandersetzung aber weitaus weniger direkt gewältig, im wahrsten Sinne des Wortes, also ohne Schwerverletzte oder gar Tote durch Schusswaffen. Inwieweit Innenstadtverbote oder Machtdemonstrationen »Gewalt« darstellen und Personen in ihrer Freizügigkeit beeinträchtigen, ist eine andere Diskussion. Ebenso unterschiedlich fallen die Zahlenverhältnisse aus, geht es aktuell um mehr als tausend Demonstranten und eine ebenso große Anzahl an Polizisten, belaufen sich die Protagonisten in den 180 Jahre zurückliegenden Ereignis auf einen mittleren dreistelligen Betrag, was sicherlich auch am unterschiedlichen Charakter der Aktionen liegt: ging es 1833 um eine handstreichartige Vereinnahmung der Bundesversammlung mit Hoffnung auf revolutionäre Umwälzung, belaufen sich die aktuellen Proteste mehr auf eine generelle Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, welche ihren Ausdruck in der Besetzung von zentralen Plätzen oder Symbolen des politisch-wirtschaftlichen Systems findet.
Was die Wirkung angeht, muss abgewartet werden, die Aktion von 1833 war lange narrativ für weitere Aktionen bis hin zu 1848. Die gegenwärtigen Aktionen in Frankfurt machen jedenfalls deutlich, dass ein Verbot von Protesten insofern nicht zielführend ist, da ein Ziel, die Störung des alltäglichen Ablaufs allein schon durch die Polizeipräsenz erreicht ist. Insofern hat es ein Diskutant bei Phoenix heute Morgen auf den Punkt gebracht: »Die Polizei hat es geschafft die Innenstadt lahm zu legen«. War es das Ziel der Organisatoren am heutigen Freitag die Innenstadt zu blockieren, so kann gesagt werden, dass dieses unter Mithilfe der Polizei erreicht wurde. Hätten die verantwortlichen Behörden das gesamte Gebiet zwischen Hauptbahnhof, EZB und Hauptwache zum Demonstrationsgebiet erklärt, wären die Auswirkungen sicherlich nicht wesentlich anders ausgefallen. Ziel der Polizei scheint es zumindest nicht zu sein, den gewohnten Tages-/ Arbeitsablauf aufrecht zu erhalten, sondern das Demonstrationsverbot durchzusetzen. Folglich hat sich auch der Charakter der Proteste gewandelt und die Erkämpfung eines Demonstrationsrechtes rückt mehr und mehr in den Fokus. In diesem Sinne ist dann fernab von allen fragwürdigen nationalen Bestrebungen des Vormärzes der Kreis zur aktuellen Protestbewegung via Einforderung von demokratischen Freiheitsrechten geschlossen.