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Die Gerüchteküche rund um die Haushälterin der Familie Marx, Helena Demuth, verstummt auch knapp 130 Jahre nach Marx Tot nicht. War sie mehr als die Gehilfin und gelegentliche Schachpartnerin? Wie viel intellektuelle Anregung gab sie dem Heroen in Ihren gemeinsamen langen Gesprächen mit auf den Weg? Und nicht zuletzt, war die Beziehung am Ende doch intensiver und vor allen Dingen folgenreicher als gedacht?

Wer die monogame Ehe seit je her als Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft und deren Abgrenzung vom tugendlosen Adel betrachtet, wird die Frage letztendlich als egal betrachten, ob Marx der Vater von Demuths Sohn ist oder nicht. Für alle anderen findet dieses wohl kaum letztgewisslich aufzulösende Geheimnis, seit Mai 2012, einen neuen Ausdruck an der Stadtmauer von Demuths saarländischer Geburtsstadt St. Wendel. Die Andeutungen von Marx Vaterschaft kaum verhehlend, hat der österreichische Bildhauer Kurt Tassotti Helena während ihrer Schwangerschaft dargestellt. Dabei liegt ihr Blick auf einem Bildnis von Karl Marx, welches sie in der Hand hält und der Besucher erst erkennen kann, wenn er ihr über die Schulter schaut. In diesem Sinne ist es aber ein durchaus offenes Geheimnis, welches ohne Mühe gelüftet werden kann, da die Indizien letztlich für Marx als Vater sprechen.

Tassotti ist es nun überaus stimmig gelungen die Glaubwürdigkeit der Indizien auf diese kleine Szene zu verdichten. Helena weiß um die Vaterschaft und denkt versunken während ihrer Schwangerschaft an Marx via Bildnis, welches dafür spricht, dass sie größtenteils nur auf dieser Ebene mit ihm verbunden sein kann. Dieses Geheimnis ist aber so offensichtlich, dass es jeder lüften kann der hinschaut und das Leben hinter der Fassade betrachtet und wahrnimmt. Einer der dies tat, aber anderen den investigativen Blick nicht zumuten mochte, war schließlich Stalin, welcher alle diesbezüglichen Dokumente der Forschung und Öffentlichkeit entzog. Ein derartiges Verhalten mag wohl zu seinen Vorstellungen von Marx gepasst haben, aber nicht zur Propaganda der tugendhaften sozialistischen Ehe. Eine sozialistische Ehe mit der sich auch in den 1950er und 1960er Jahren der DDR noch so manches Arbeiterkomitee herumschlagen musste, wenn verordnet in aller Versammlungsöffentlichkeit über den Zustand der Ehe des Arbeiters XYZ gesprochen und ernsthaft im Kollektiv nach Lösungsvorschlägen mehr oder weniger hilflos gesucht wurde. In den 1970er und 1980er ebbte diese Art von privater Öffentlichkeit schließlich ab. Zu sehr war dann doch das Verlangen nach Privatheit und zu hoch wohl auch die Erfolgslosigkeit derartiger arbeitsgeleiteter Eherettungsversuche.

Abgesehen davon ist es mehr als löblich, in Zeiten in denen Denkmäler als schwer zugänglich oder verkopft daherkommen, auf diese nicht direkte, aber einfach aufzulösende Weise an die Familie Marx zu erinnern. Eine Familie zu der auch ohne die offene Vaterschaft Helena Demuth dazugehört. Schließlich war sie es, welche durch ihre Unterstützung das keineswegs einfache Leben der Familie Marx tatkräftig begleitete und mit zu meistern versuchte. So findet sich kaum ein Briefband der Blauen Bände ohne eine Erwähnung von Helena, genannt »Lenchen«, in dem sie nicht dies oder das als Botin überbringt oder sich allgemein um den Haushalt kümmert. Schön, dass neben den allzu oft als Riesen daherkommenden Marx und Engels Figuren, nun auch dieser Teil der Geschichte einen künstlerischen Ausdruck findet.

…aber trotzdem sehr passend zum vorherigen Beitrag mit seiner charmanten Wohlstandstristesse vergangener Jahre.

Das alte Karstadt-Gebäude in Hanau, welches früher auch mal Hertie hieß

Aber die Idee Ende des 19. Jahrhunderts eines Warenhauses, welches möglichst die gesamte Palette des Bedarfs unter einem Dach abdeckt, funktioniert nicht mehr. Stattdessen geht der Trend hin zu großen Shopping-Centern mit den immer gleichen langweilig standardisierten Läden und auf den ersten Blick sind diese derartig austauschbar, dass wenn man es nicht wüsste, nicht erkannt werden könnte in welcher Stadt man sich befindet. (Musikalische Umsetzung siehe unten bei Rainald Grebe) Der Plan in Hanau, zumindest durch ein gläsernes Bodenfenster auf die alte Stadtgeschichte und der damit verbundenen Festungsanlage zu verweisen, ist so löblich, wie es jedoch im Angesicht der Großkettengeschäfte nur ein schwacher Trost ist. Gerade die kleinen Läden, die individuell geführten, wo der Kunde nicht unbedingt popkulturell via Werbung zum König erhoben, sondern ernst genommen wird, gehen in derartigen Shopping-Malls unter. Eine direkte jahrelange Kundenbindung an die Menschen in den Geschäften, bei der man mit den Verkäufern gemeinsam altert, gibt es nicht mehr, denn schon nächste Woche ist der Angestellte im Elektrodiscounter nicht mehr da und ein ungutes Gefühl des »Übers Ohr gehauen Werdens« begleitet jedes Beratungsgespräch, welches doch in erste Linie nur Verkaufsspräch ist. Sicherlich waren auch die Kaufhäuser das Ende der »Kleinen Läden«, welche nun in seltsamer Wiederkehr als standardisierte Ketten die Innenstädte verwüsten.

Musikalische Untermalung zum einen Chefdenker: »Heile Welt in 1-2 Minuten«

und zum Anderen Rainald Grebe: »Fußgängerzonen«

Zunächst ein etwas längerer Blick in die Vergangenheit, da mittlerweile lange her und urheberrechtlich »gemeinfrei« via Lexikon, Stichwort: »Frankfurter Attentat« aus Meyers Konversations-Lexikon, ein Wörterbuch des allgemeinen Wissens. 2. Auflage. Sechster Band. Hildburghausen: 1863.

»Die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni und 5. Juli 1832, welche der Presse neue Beschränkungen auflegten, und denen einige Exaltierte dieselbe Bedeutung für Deutschland vindizierten, welche die Juliordonnanzen für Frankreich hatten, ließen in den jüngeren Männern der gebildeten Klassen, sowie unter den jüngeren Handwerkern, die mit der Entwicklung des öffentlichen Lebens seit 1815 überhaupt unzufrieden waren, den Gedanken reifen, Frankfurt am Main an die Spitze einer revolutionären Bewegung zu stellen und dieselbe sodann mit Hülfe benachbarter Staaten und Städte weiter zu leiten. (…) Der Plan der Verschworenen war, sich zunächst in den Besitz der Konstablerwache und der Hauptwache zu setzten, die politischen Gefangenen zu befreien, sich gleichzeitig der Kanonen zu bemächtigen und Sturm zu läuten und, wenn sich wenigstens ein Teil der Bevölkerung beteiligte, sich sodann der Bundesgesandten zu versichern und eine provisorische Regierung zu errichten. In einer am 2. April 1833 in dem kurhessischen Orte Bockenheim (…) gehaltenen Versammlung wurde der Abend des 3. Aprils als der Termin bestimmt, an welchem der Aufstand ausbrechen sollte. Inzwischen hatte die Behörde Kunde von dem Vorhaben erhalten und ließ die Hauptwache (41 Mann) um 10 Mann verstärken, das Linienmilitär in die Kaserne konfigurieren und an der Domkirche zwei Polizeidiener aufstellen. In ihrer gewöhnlichen Kleidung, aber mit schwarz-rot-goldenen Schärpen umgürtet, mit Bajonettgewehren, Pistolen, scharfen Patronen, Dolchen und Säbeln bewaffnet, setzten sich die Verschworenen ½10 Uhr in zwei gleich starken Haufen von verschiedenen Punkten aus gleichzeitig in Bewegung, der eine, 30 Mann stark, aus Studenten bestehend, vom Münzhofe aus, der andere, aus politischen Flüchtlingen bestehend, vom Gasthaus hinter der Rose aus unter dem Kommando eines polnischen Obersten. Ersterer zog gegen die Hauptwache, erstürmte dieselbe, nahm die Wachmannschaft gefangen und setzte die im oberen Stockwerk, teils wegen Pressvergehen, teils wegen Tumults verhafteten Gefangenen in Freiheit. Die Aufforderungen zur Teilnahme machten jedoch keinen Eindruck, weder auf die Menge, noch auf das Militär. Inzwischen hatte der andere Haufen die Konstablerwache erstürmt und die wegen politischen Vergehen Gefangenen befreit. Aber auch hier blieben die Aufforderungen, für die deutsche Freiheit zu kämpfen, erfolglos. Die angebotenen Waffen wurden unter Entschuldigungen zurückgewiesen, oder doch sogleich wieder zur Seite gestellt. Während dieser Vorgänge waren 12-16 Mann nach dem Dom geilt, hatten die Polizeidiener gepackt, die Turmtür eingeschlagen und ließen nun die Sturmglocke ertönen. Mittlerweile war das ganze Bataillon des Frankfurter Linienmilitärs mit scharf geladenen Gewehren gegen die Hauptwache angerückt. Die wenigen hier zurückgebliebenen Studenten zogen sich nach der Konstablerwache zurück; nur einer, der sich verspätet hatte, wurde nach verzweifelter Gegenwehr verwundet ergriffen. Erst bei der Konstablerwache ward das Linienmilitär mit einem förmlichen Pelotonfeuer empfangen. Nachdem auf beiden Seiten mehrere getötet und verwundet waren, zogen sich die Aufrührer, der Übermacht weichend, in die benachbarten Straßen zurück, wo sie unangefochten auseinander gingen. Um 11 Uhr war Frankfurt wieder in Ruhe. Gleichzeitig mit diesen Vorfällen in der Stadt griff ein Haufen von 60-80 bewaffneten Landleuten aus dem nahen Orte Bonames und einigen benachbarten kurhessichen und nassauischen Dorfschaften die kurhessische Zollstäte des zwischen Bonames und Frankfurt gelegenen Ortes Preungesheim an, vernichtete die Zollpapiere, zog sich aber in der Nähe des Friedberger Tores, sei es auf erhaltene Nachricht aus der Stadt, sei es, weil man die Torwachen verstärkt fand, nach Bonames zurück. Die Zahl sämtlicher bei diesem Unternehmen Beteiligter mag sich auf 150-170 belaufen haben. Erwiesen ist, dass 9 Personen getötet und 24 schwer verwundet wurden. (…) Schon die erste Kunde des Ereignisses wies auf einige Verzweigungen, zumal auf mehreren Universitäten, hin, weshalb nicht bloß in Frankfurt und Darmstadt, sondern auch in Jena, Würzburg, Erlangen, München, Heidelberg, Tübingen und Gießen Vernehmungen und Verhaftungen stattfanden. (…) Die Mehrzahl der Angeschuldigten waren unerfahrene Jünglinge. Zwei derselben entkamen aus dem Gefängnis, 14 aber wurden durch das Strafurteil erster Instanz vom 20. Oktober 1836 zu lebenslänglichen Gefängnis verurteilt. Aber noch vor der Fällung der Entscheidung letzter Instanz wussten abermals 7 der Verurteilten zu entkommen; die übrigen 7 wurden nach Mainz abgeführt und erhielten im Herbst 1838 die Auswanderung nach Amerika gestattet.«

Auch wenn der gemeinsame Nenner wohl eher in der Forderung nach demokratischen Rechten und Pressefreiheit liegt und aktuell auch niemand in Frankfurt mit »schwarz-rot-goldenen Schärpen« demonstriert oder gar irgendwelche nationalen Erweckungsgedanken hegt, weckten die Bilder und Berichte von gestern doch gewisse Erinnerungen an obigen Artikel. Diese Erinnerung mag sich zunächst auf eine gewisse lokale Parallelität stützen, Hauptwache, Konstablerwache und der Ort bzw. mittlerweile Stadtteil Bockenheim (Uni-Campus) sind aktuell auch Stichwörter in den Medien und Zielpunkte der Demonstranten. Ebenso interessant ist der Unwille der ansässigen Bevölkerung sich dem Protest anzuschließen, bzw. die mediale Konstruktion dieses Unwillens mittels Berichte über Ladenbesitzer die drei Tage ihr Geschäft schließen müssen und Anwohner die sich belästigt fühlen, in Formen des beispielhaft-anekdotischen Argumentierens. Generell berichten die (Fernseh-) Medien in altgewohnter Manier mehr phänomenologisch, denn inhaltlisch erklärend, von Ansätzen bei Phoenix mal abgesehen. Der Grund des Protestes verschwindet jedoch vielmals hinter den Berichten über die Auswirkungen auf den gewöhnlichen städtischen Tagesablauf. An dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, dass es möglich ist die Innenstadt für Radrennen, Kulturveranstaltungen, Sportübertragungen und dergleichen mehr zu sperren, aber Demonstranten diese Möglichkeit nur beschränkt eingeräumt wird. In diesem Sinne ist es schlicht und ergreifend ein Interessenskonflikt, auf der einen Seite eine direkt politische Ausdrucksform, auf der anderen Seite die Interessen der Unterhaltung und des Konsums.

Im Unterschied zu 1833 verläuft die Auseinandersetzung aber weitaus weniger direkt gewältig, im wahrsten Sinne des Wortes, also ohne Schwerverletzte oder gar Tote durch Schusswaffen. Inwieweit Innenstadtverbote oder Machtdemonstrationen »Gewalt« darstellen und Personen in ihrer Freizügigkeit beeinträchtigen, ist eine andere Diskussion. Ebenso unterschiedlich fallen die Zahlenverhältnisse aus, geht es aktuell um mehr als tausend Demonstranten und eine ebenso große Anzahl an Polizisten, belaufen sich die Protagonisten in den 180 Jahre zurückliegenden Ereignis auf einen mittleren dreistelligen Betrag, was sicherlich auch am unterschiedlichen Charakter der Aktionen liegt: ging es 1833 um eine handstreichartige Vereinnahmung der Bundesversammlung mit Hoffnung auf revolutionäre Umwälzung, belaufen sich die aktuellen Proteste mehr auf eine generelle Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, welche ihren Ausdruck in der Besetzung von zentralen Plätzen oder Symbolen des politisch-wirtschaftlichen Systems findet.

Was die Wirkung angeht, muss abgewartet werden, die Aktion von 1833 war lange narrativ für weitere Aktionen bis hin zu 1848. Die gegenwärtigen Aktionen in Frankfurt machen jedenfalls deutlich, dass ein Verbot von Protesten insofern nicht zielführend ist, da ein Ziel, die Störung des alltäglichen Ablaufs allein schon durch die Polizeipräsenz erreicht ist. Insofern hat es ein Diskutant bei Phoenix heute Morgen auf den Punkt gebracht: »Die Polizei hat es geschafft die Innenstadt lahm zu legen«. War es das Ziel der Organisatoren am heutigen Freitag die Innenstadt zu blockieren, so kann gesagt werden, dass dieses unter Mithilfe der Polizei erreicht wurde. Hätten die verantwortlichen Behörden das gesamte Gebiet zwischen Hauptbahnhof, EZB und Hauptwache zum Demonstrationsgebiet erklärt, wären die Auswirkungen sicherlich nicht wesentlich anders ausgefallen. Ziel der Polizei scheint es zumindest nicht zu sein, den gewohnten Tages-/ Arbeitsablauf aufrecht zu erhalten, sondern das Demonstrationsverbot durchzusetzen. Folglich hat sich auch der Charakter der Proteste gewandelt und die Erkämpfung eines Demonstrationsrechtes rückt mehr und mehr in den Fokus. In diesem Sinne ist dann fernab von allen fragwürdigen nationalen Bestrebungen des Vormärzes der Kreis zur aktuellen Protestbewegung via Einforderung von demokratischen Freiheitsrechten geschlossen.

Bildausschnitt vom hr-online »Liveticker zu Blockupy«, 16.05.2012

»(…) Die neue Kunst von Vergeistigung verhindert, wie die banausische Kultur es will, mit dem Wahren, Schönen und Guten weiter sich zu beflecken. Bis in ihre innersten Zellen ist, was man an der Kunst gesellschaftliche Kritik oder Engagement zu nennen pflegt, ihr Kritisches oder Negatives, mit dem Geist, ihrem Formgesetz zusammengewachsen. Daß gegenwärtig jene Momente stur gegeneinander ausgespielt werden, ist Symptom einer Rückbildung des Bewußtseins.« (Adorno: Ästhetische Theorie. GS7; S. 144)

Mit anderen Worten gesagt, wird in der Mittelung des Live-Tickers etwas gegeneinander ausgespielt, was eigentlich zusammengehört. Wenn Kunst es mit der Emanzipation des Menschen ernst meint, muss sie nicht vor kritischem Denken geschützt werden, sondern sollte selber Ausdrucksform dieses Denkens sein. Und wenn kritisches Denken es ernst meint, agiert es nicht gegen die Kunst, sondern mit ihr. Im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft scheinen beide Ausdrucksformen kein gemeinsames Moment mehr zu finden, sondern nur noch in gegenseitiger Negation auf sich und das jeweils wahre Anliegen zu verweisen.

Am gestrigen Samstag lockte das DFB-Pokal-Finale tausende vor die TV-Geräte. Massenhaft saßen die Leute in den Kneipen, Biergärten oder im persönlichen Pantoffelkino, um gebannt den Fulminanten Sieg des BVB zu verfolgen. Schwierig wird es, wenn man beiden Mannschaften den Sieg nicht unbedingt gönnt und die Verbindung zum Lieblingsverein nur über die gemeinsamen Vereinsfarben bzw. über einen gewissen nicht mehr aktiven rothaarigen Spielmacher besteht, welcher aktuell beim DFB seinen Fußballsachverstand unter Beweis stellt.

Daher musste ein Alternativprogramm her und zum Glück fiel der 5. Frankfurter Science-Slam des Physikalischen Vereins auf genau diesen Tag des Pokalfinales. Ein, wie auch beim letzten Mal, ausverkauftes Haus mit bunt gemischten Publikum aller Altersklassen, zeigte das eben Fußball doch nicht das ganze Leben ist. Das Prozedere war das gleiche wie im November letzten Jahres: sechs Kandidaten haben jeweils 10 Minuten Zeit ein wissenschaftliches Thema, anschaulich, witzig oder auf eine andere Art und Weise überzeugend darzustellen. Im Anschluss vergeben ausgewählte Publikumsgruppen Punkte, bevor die Lautstärke des Applauses gemessen wird. Am Ende treten die beiden Bestplatzierten nochmals in einem Dezibelkampf gegeneinander an und der endgültige Sieger bekommt, lokalkoloriert, den »Bembel der Weisheit«.

Slams mit einer bestimmten Thematik, wie in der hiesigen Veranstaltung die Naturwissenschaft, leben davon, dass die einzelnen Darbietungen über die Scientific Community hinausreichen. Letzteres ist eine notwendige Bedienung um die Gunst des Publikums zu gewinnen und damit zu punkten. Die Kunst besteht darin, ein Thema der Wissenschaft derartig anschlussfähig dazustellen, dass sich die Zuschauer angesprochen fühlen. Möglich ist dies über die wissenschaftliche Aufbereitung von Alltagsphänomenen oder das Herunterbrechen von hochkomplexen Sachverhalten auf die Lebenswirklichkeit der Personen, also Relativitätstheorie beim Einparken oder Verschlüsselung von Emails mittels Protonen. Leider gelang diesmal diese Kunst in den wenigsten Fällen. Abgesehen von reinen Messevorträgen, wie sie die Darstellung der Projektgruppe Roboterfußball bot, gelang auch den anderen Beiträgen kaum eine durchgehend überzeugend anregende Darstellung. Klar einzelne Lichtpunkte, liebevoll gezeichnete Grafiken, der eine oder andere Gag, führten zu spontanen Applaus, aber so richtig zündend wirkte dies alles nicht. Traurig ist es, da die Themen durchaus mehr Potential hatten und man immer wieder hoffte, dass noch eine überraschende Wendung kommt, diese Hoffnung aber allzu oft enttäuscht wurde und der Vortrag ohne direkte Pointe zu Ende ging.

Letztlich hätte die Veranstaltung mehrere Sieger verdient, da zumindest drei Beiträge sich auf gleichem Niveau bewegten und allesamt sehr viel Liebe zum Detail, via Zeichnungen und sympathischer Anschaulichkeit bzw. über eigenen experimentellen Einsatz, boten. Erwähnt seien nur hübsch illustrierte Protonen und die Experimente mit der Haushaltschemie(, welche wie auch bei der letzten Darbietung des Slamers, sympathischerweise, nicht funktionierten.) Positiv und im glücklichen Kontrast zum letzten Mal, wurde nicht mit martialischem technischen Aufwand Effekthascherei betrieben und so blieb diesmal das Publikum vor professionellen Kinofilmausschnitten verschont. Stattdessen gab es selbstgemachte Folien, die sich auf die Sache beschränkten und gerade dadurch bodenständig wirkten.

Weniger überzeugend und unpassend war der außer Konkurrenz laufende Opener des, so angekündigten, »Erfinder des Science-Slams«, der keine Themen aus der Wissenschaft oder aus dem Studentenalltag aufgriff, sondernd seine vorhandene sprachliche Kunst auf Zoten anwendeten und das Publikum derartig zu erheitern versuchte. Wie wunderbar wäre es, mit dieser Sprachbegabtheit, diesen Wortschatzgirlanden Themen aufzugreifen, die über den Bereich der Lendengegend hinausgehen… In die gleiche Kerbe stieß kurzfristig auch der Siegerbeitrag, der meinte die Längenkontraktion in der Relativitätstheorie, kurz mit Fahrern von PS-Starken Autos und ihrer Potenz illustrieren zu müssen.

Alles in allem, war es trotz der Schwächen ein sehr kurzweiliger Abend, die Zeit verging wie im Fluge und auch wenn letztlich kein Beitrag voll umfassend überzeugen konnte, so ruft doch der Mut alleine, sich vor ein so großes Publikum zu stellen, Bewunderung hervor. Und gerade weil die Slam-Qualität scheinbar sehr schwankend ist, bleibt die Vorfreude auf die nächste Veranstaltung erhalten.

Wie bei jeder Sammelleidenschaft können die Objekte der Begierde nicht sofort erlangt werden. Dies hat selbstredend den Vorteil, dass sich die Freude phasenhaft einstellt und nicht in einer großen Erfüllung allzu schnell verpufft. Letzteres würde auch den Prozess des Sammelns ad absurdum führen, bei dem doch gerade das »noch nicht« maßgebend ist. Im Gegensatz aber zur Sammlung von Einzelobjekten können Bücher direkt benutzt, sprich gelesen werden und der Gebrauchswert erfüllt sich nicht alleine in einem Besitz des Ersehnten. Überraschungseifiguren können eben nur in die Vitrine gestellt, geputzt und bestaunt werden. Der direkte Gebrauchswert geht kaum über den reinen Besitz hinaus. Bücher bieten somit auf der einen Seite einen ikonographischen Wert, bestehend aus der Anmut, den die Einbandgestaltung hervorruft und die würdige Erscheinung im Bücherregal sowie einen inhaltlichen Wert, bestehend aus dem Text und der damit geäußerten Gedanken.

Schwierig bei Sammlungen wird es erst, wenn die Objekte seltener werden und der geneigte Sammler entweder auf der Lauer sein muss oder mühsam das nötige Kapital aufspart, um bei den wenigen Händlern sein Repertoire erweitern zu können. Nicht selten ist es auch eine Mischung aus beidem, das Angebot muss kommen und dann muss die eigens dafür angelegte Sparbüchse geplündert werden. In den letzten Tagen jedenfalls konnte eine entscheidende Lücke in der Lexikonsammlung geschlossen werden, denn nichts weniger als die berühmte Neunte Auflage des Brockhauses, oder »Allgemeine Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon. Neunte Orginalauflage. In fünfzehn Bänden«, wie der Bandwurmtitel lautet, brachte der Postbote vorbei.

Abgesehen von den insgesamt verkauften (nur) 30.000 Exemplaren, machen die Erscheinungsjahre 1843-1848 diese Auflage so besonders. Spiegeln sich doch die Gedanken des Vormärzes in den Einzelnen Artikeln wieder. Überdies ist es wie bei den anderen Lexika: es ist ungemein spannend einzelnen Stichworten nachzuspüren und ihre Veränderung nachzuvollziehen. So ist z.B. in den 1840er Jahren das Stichwort »Intendant« vollkommen auf den militärischen Bereich bezogen, wobei 130 Jahre später in Meyers 9. Auflage die militärischen Spuren vollkommen verschwunden sind und der Kunstbetrieb das Stichwort vollkommen ausfüllt. Ebenso ist es mit dem »Frankfurter Attentat«, bei dem in hiesiger Ausgabe vieles durcheinander geht und die Aufregung noch in den Zeilen zu spüren ist. Spätere Auflagen behandeln das Thema nüchterner sowie ausführlicher, bevor es dann schließlich bereits in den 1920er Jahren (Brockhaus, 15. Auflage) unter keinem eigenen Stichwort mehr zu finden ist. Inhaltlich nicht minder interessant ist aber, das in diesem Stichwort keineswegs das Gleiche in verschiedenen Varianten zu lesen ist, sondern in der einen Auflage, die Fluchten verschwiegen werden, in der anderen Auflage die Namen und schließlich in einer weiteren Auflage das Motiv weniger ausführlich abgehandelt wird. Auch derartig veränderten sich die Erzählungen über Ereignisse und in Konsequenz das Ereignis selber.

Viele weitere Beispiele lassen sich finden und werden sich finden lassen, denn auch dies macht das Sammeln von Lexika so besonders: sie können und müssen nicht von vorn bis hinten gelesen werden, sondern in einer wissensdürstigen Minute oder in einer Phase der Muse kann es aufgeschlagen werden und erst der Blick auf die Uhr verrät, dass man sich mehr als eine Stunde in die Werke versunken hat, vollkommen Gefangen im Reich der damaligen Gegenwart, denn nichts anderes als die Gegenwart wollten die Redakteure abbilden: Einen Haltepunkt beschreiben im rasenden Fluss der Zeit und ihrer Veränderung. Eine Gegenwart jedenfalls die heute fast 170 Jahre zurück liegt und aus der kein heute noch lebender, auch nicht mittels der Erzählungen der Großeltern, berichten kann.

Doch hier ist es sinnvoll zum Abschluss den Autoren selbst zu lauschen, welche sich in einem kurzen Abriss zur Geschichte des Conversations-Lexikon, auch zur Neunten und damals aktuellen Auflage, äußern: »(…) Auch diese neunte Auflage zeigt noch immer nach Form und Inhalt, wenigstens zum Theil, den ursprünglichen Charakter des Conversations-Lexikon, wenn auch die Anforderungen, die man gegenwärtig an ein solches Werk macht, sich so bedeutend gesteigert haben und fortwährend steigern, daß, um das Werk in der schnell verlaufenden Zeit nur einigermaßen im Niveau zu erhalten, ein Dezennium fast als ein zu langer Zeitraum für eine neue Auflage erscheint. Denn das Conversations-Lexikon ist nicht mehr, wie früher, ein bloßes Aushülfsmittel zur Selbstbelehrung für Mindergebildete und zu dem Zwecke, den Mangel an genügender Bildung möglichst zu verdecken, dieselbe oberflächlich so weit auszubilden, um ohne Anstoß zu finden in Gesellschaft Höhergebildeter sich bewegen, an der Conversation Theil nehmen und zu ihrer weiteren Ausbildung mit wissenschaftlicher Lecture sich beschäftigen zu können; es ist gegenwärtig vielmehr ein Archiv alles Wissenswürdigen und umfaßt die Gesammtheit der Wissenschaften in allen ihren Einzelnheiten, soweit dieselben für ein gebildetes Publikum von Wichtigkeit sind; es bildet eine fortlaufende Chronik aller denkwürdigen Begebenheiten bis auf die Gegenwart herab, einen Spiegel aller äußern und innern Erscheinungen in Gesellschaft, Staat, Kirche, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Es ist nicht bloß ein Werk zum Nachschlagen, in welchem man eine kurze Erklärung und Auskunft erhält; es ist ein Handbuch für den täglichen Gebrauch, ein durch zweckmäßige Auswahl und eine gefällige Form der Darstellung anziehendes Lesebuch.«

Übrigens wurde der Wandel des Lexikons von den Autoren nicht umsonst betont, galt es doch der Kritik der reinen Plauderei und der Oberflächlichkeit entgegenzuwirken. Eine Oberflächlichkeit welche übrigens aktuelle Auflagen ohne weiteres erreichen, wobei auch dies sicherlich in 100 Jahren von eifrigen Sammlern gerne als Besonderheit wahrgenommen werden wird. Näheres zum Thema befindet sich hier, hier sowie hier und hier.